Ein anderer Start ins Jahr
Dieses Jahr beginnt für mich anders als viele zuvor. Nicht, weil ich mir nichts vorgenommen hätte oder weil es an Ideen mangeln würde.
Sondern weil sich mein Verhältnis zu Vorhaben, Ambition und Wirksamkeit in den letzten Wochen spürbar verschoben hat.
Es ist eine leise Verschiebung, nichts Dramatisches, eher eine innere Neujustierung. Aber eine, die Wirkung zeigt.
Ein veränderter innerer Takt
Am 2. Januar ist meine zweite Tochter zur Welt gekommen. Und mit ihr ist etwas sehr Unspektakuläres, aber Entscheidendes passiert: Mein innerer Takt hat sich verändert. Nicht im Sinne von Verlangsamung, sondern im Sinne von Klarheit. Ich spüre weniger den Impuls, Dinge anzuschieben oder zu beschleunigen, und stärker das Bedürfnis, genauer hinzuschauen. Zu unterscheiden, was wirklich trägt – nicht nur kurzfristig, sondern über längere Zeiträume hinweg.
Weniger Vorhaben, höherer Anspruch
Ich starte dieses Jahr mit weniger Vorhaben als in manch früherem Jahr. Und gleichzeitig mit einem höheren Anspruch an das, was ich tue. Diese beiden Dinge widersprechen sich nicht. Im Gegenteil: Weniger vorzuhaben erfordert eine höhere Präzision in Entscheidungen und eine größere innere Stabilität. Es verlangt die Bereitschaft, Verantwortung nicht nur für das zu übernehmen, was man tut, sondern auch für das, was man bewusst lässt.
In vielen beruflichen Kontexten wird Reduktion schnell mit Vorsicht oder mangelnder Ambition gleichgesetzt. Manchmal auch mit Rückzug. Ich erlebe das derzeit anders. Weniger parallele Projekte, weniger thematische Breite und weniger operative Betriebsamkeit bedeuten nicht weniger Anspruch, sondern mehr. Sie erfordern eine klarere Haltung, ein genaueres Gespür für Wirksamkeit und die Fähigkeit, Leerräume auszuhalten, ohne sie sofort wieder zu füllen.
Die Unterscheidung zwischen Aktivität und Wirksamkeit
Diese Unterscheidung zwischen dem, was Wirkung entfaltet, und dem, was vor allem Energie bindet, entsteht nicht durch Planung oder Zielsysteme. Sie ist das Ergebnis innerer Arbeit. Sie entsteht dort, wo man nicht auf jeden Impuls reagiert, nicht jede Möglichkeit verfolgt und nicht jede Unsicherheit sofort kompensiert. Und sie verlangt, sich selbst ernst zu nehmen – auch dann, wenn das bedeutet, auf Vertrautes zu verzichten.
Ambition in veränderter Richtung
Vater zu sein bedeutet für mich nicht, weniger ambitioniert zu sein. Aber es verändert die Richtung dieser Ambition. Die Frage verschiebt sich. Nicht mehr: Was wäre möglich, wenn ich noch mehr investiere? Sondern: Was ist sinnvoll, wenn ich Verantwortung ganzheitlich verstehe – für mich selbst, für andere Menschen und für das, was aus meinem Handeln entsteht?
Das hat nichts Romantisches. Es ist eine nüchterne Erkenntnis. Zeit, Energie und Aufmerksamkeit sind begrenzte Ressourcen. Und sie gewinnen nicht an Wert, wenn man sie maximal ausreizt, sondern wenn man sie bewusst einsetzt. Diese Haltung prägt meinen Start ins Jahr stärker als jedes Zielsystem oder jede Jahresplanung.
Beobachtungen aus der Führungsarbeit
In meiner Arbeit begegne ich vielen Führungskräften, die genau an diesem Punkt stehen. Hohe Verantwortung, hoher Erwartungsdruck und gleichzeitig das diffuse Gefühl, dass noch mehr Tempo nicht automatisch zu besseren Entscheidungen oder nachhaltigeren Ergebnissen führt. Die Versuchung, Aktivität mit Wirksamkeit zu verwechseln, ist groß. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, bewusst zu setzen, statt permanent zu reagieren.
Was ich mir für dieses Jahr wünsche, ist keine neue Dynamik um der Dynamik willen. Ich wünsche mir eine höhere Qualität in Entscheidungen, Beziehungen und Ergebnissen. Weniger Kompensation, weniger Aktivismus und mehr Verantwortung dort, wo sie hingehört. Ich möchte genauer hinschauen, wo ich tatsächlich Wirkung erzeuge und wo ich mich vielleicht nur beschäftigt halte. Zusammenarbeit vertiefen, statt sie auszuweiten. Themen so lange halten, bis sie wirklich geklärt sind, statt sie durch neue Initiativen zu überlagern.
Ein ruhiger, stimmiger Anfang
Das fühlt sich nicht spektakulär an. Es fühlt sich ruhig an. Und stimmig.
Dieses Jahr beginnt für mich nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einer bewussten Setzung. Ich erlaube mir, weniger vorzuhaben und gleichzeitig mehr zu erwarten. Von mir selbst, von der Qualität meiner Arbeit und von dem, was daraus entsteht.
Vielleicht ist das kein Ansatz für alle. Aber für mich fühlt es sich nach einem tragfähigen Anfang an.















